February 23rd, 2026

Raus aus dem Algorithmus

Geert Lovink ist seit Jahrzehnten einer der schärfsten Beobachter der digitalen Kultur. In seinem zuvor bereits auf englisch erschienenen Buch “Die Brutalität der Plattform – Von der radikalen Kritik zum Exodus der Sozialen Medien” (Transcript) legt er nun eine radikale Bestandsaufnahme dessen vor, was man als die dunkle Seite der Plattformökonomie bezeichnen könnte: Die sozialen Medien sind längst nicht mehr bloße Kommunikationswerkzeuge, sondern komplexe, selbstverstärkende Systeme, die Nutzerinnen psychisch und sozial verwunden. Lovinks Ton ist dabei weder alarmistisch noch moralinsauer; er analysiert, kritisiert und interpretiert zugleich – und schafft es, die technischen Strukturen der Plattformen in ein kulturtheoretisches Licht zu rücken, das sowohl die Alltagserfahrungen der Nutzer:innen als auch die geopolitische Dimension digitaler Infrastrukturen sichtbar macht.

Im Kern seines Buches steht die These, dass soziale Medien nicht nur ablenken, sondern verletzen – und zwar auf eine Weise, die strukturell in ihrer Architektur verankert ist. Lovink führt hierfür den Begriff des „Copium“ ein: ein metaphorisches Opiat, das Nutzer:innen betäubt und sie in Endlosschleifen von Scrollen, Ablenkung und algorithmischer Manipulation gefangen hält. Es sind nicht die einzelnen Beiträge, Memes oder Hashtags, die das Problem ausmachen, sondern die Logik der Plattformen selbst: Sie sind Engagementmaschinen, die psychische Resonanzen in monetäre Werte verwandeln. Algorithmen amplifizieren Wut, Angst und Sensationslust, während die illusorische Nähe von Likes und Followern reale soziale Bindungen ersetzt. In dieser Analyse verschränkt Lovink medienwissenschaftliche Perspektiven mit popkulturellen Beobachtungen: Influencer-Kultur, virale Trends, TikTok‑Challenges oder Meme-Formate werden als symptomatische Phänomene einer „permanenten Permakrise“ gelesen – einer Welt, in der Aufmerksamkeit zur Währung und psychische Erschöpfung zur Norm geworden ist.

Lovink gelingt es, die gesellschaftliche Dimension dieser digitalen Dynamiken sichtbar zu machen. Unter dem Schlagwort Techno‑Feudalismus argumentiert er, dass Plattformen de facto neue Machtarchitekturen errichten: Wer den Code kontrolliert, bestimmt, was Aufmerksamkeit erhält. Wer die Daten besitzt, bestimmt, welche Identitäten sichtbar oder unsichtbar sind. Damit verschiebt sich die Debatte über soziale Medien vom individuellen Verhalten hin zur strukturellen Gewalt. Nutzer:innen sind nicht nur Opfer von algorithmischer Logik, sie sind Teil eines Systems, das sie manipuliert, marginalisiert und ausnutzt – und das zugleich die Illusion von Freiheit und Teilhabe aufrechterhält.

Dennoch bleibt Lovink nicht bei der bloßen Diagnose. Sein Aufruf zum kollektiven Rückzug aus den sozialen Medien ist ebenso programmatisch wie visionär. Es geht ihm nicht um asketische Selbstgeißelung oder technologische Abstinenz, sondern um die bewusste Wiederaneignung digitaler Mündigkeit. In diesem Sinne ist “Die Brutalität der Plattform” kein reines Kulturkritikbuch, sondern auch ein Manifest für Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter. Erwähnt sei hier seine Idee des Dreamful Computing: Die Fähigkeit zu träumen und offline zu reflektieren wird als notwendiger Gegenpol zu permanenter digitaler Stimulation gedacht – eine Praxis, die psychische Integrität, kollektive Imagination und kreative Subversion ermöglichen soll.

Lovinks Stärke liegt auch in seiner stilistischen Klarheit. Anders als viele medienwissenschaftliche Arbeiten liest sich das Buch nicht als nüchterne Theorieabhandlung, sondern als essayistisches, pointiertes Dokument der Gegenwart. Popkultur, Meme-Analysen, philosophische Reflexionen und politische Theorie verschränken sich zu einem dichten, zugleich lebendigen Text, der die Widersprüche digitaler Gesellschaften aufzeigt: Hier die Lust an permanenter Vernetzung, dort die strukturelle Gewalt der Plattformen, zwischen denen die Nutzenden zerrieben werden.

Sicher, sein Vorschlag des kollektiven Rückzugs scheint ambitioniert. Und konkrete, gesellschaftlich-politische Umsetzungsstrategien werden eher skizziert als ausgearbeitet. Doch gerade die Radikalität seines Ansatzes macht das Buch wertvoll: Es konfrontiert uns mit der nach wie vor unbequemen Frage, wie viel Macht wir den Plattformen freiwillig noch überlassen und welche Konsequenzen die digitale Transformation Ebenen hat. Lovink zeigt, dass die sozialen Medien längst nicht mehr nur Technik, sondern gesellschaftliche Infrastruktur sind – und dass ihre Gewalt strukturell, subtil und alltäglich ist.

Lovink, Geert (2025):
Die Brutalität der Plattform – Von der radikalen Kritik zum Exodus der Sozialen Medien.
Bielefeld: transcript, Digitale Gesellschaft, 246 Seiten.
ISBN 978‑3‑8376‑8005‑8.

References