June 24th, 2026
Wenn Zukunft zur Verhandlungsmasse wird (Kommentar)
Die Unterzeichnung der Zielvereinbarungen zwischen dem Land Hessen und den Hochschulen, darunter auch der Hochschule für Gestaltung Offenbach, markiert formal einen wichtigen Schritt der hochschulpolitischen Steuerung für die Jahre 2026 bis 2031. Dass solche Vereinbarungen zustande kommen, ist zunächst kein politischer Skandal, sondern Teil des üblichen Rahmens zwischen Land und Hochschulen. Problematisch wird es jedoch dort, wo diese Vereinbarungen unter Bedingungen getroffen werden, die längst nicht mehr als tragfähig für eine zukunftsfähige Hochschullandschaft gelten können.
Denn was in der offiziellen Kommunikation oft technokratisch als „Rahmenbedingungen des Hochschulpakts“ beschrieben wird, sind in der Realität massive finanzielle Einschränkungen. Diese wirken nicht abstrakt, sondern greifen tief in die Substanz der Hochschulen ein: in Personalstrukturen, (technische) Infrastruktur, in Lehrangebote, in Forschungsfreiheit und in die alltägliche Arbeitsfähigkeit der Verwaltung.
Gerade eine Institution wie die Hochschule für Gestaltung Offenbach ist davon in besonderer Weise betroffen. Als künstlerisch-gestalterische Hochschule lebt sie von (mitunter auch kleineren) Betreuungsverhältnissen, projektbasierter Lehre, experimentellen Räumen und einer intensiven Verzahnung von Forschung, Praxis und gesellschaftlicher Reflexion. Wenn finanzielle Mittel gekürzt oder real nicht an die steigenden Kosten angepasst werden, bedeutet das konkret: weniger Lehrkapazitäten, unsichere Vertragslagen für Lehrbeauftragte, überlastete Verwaltung und eine schleichende Erosion genau jener Freiräume, die kreative und kritische Arbeit überhaupt erst ermöglichen.
Für Studierende heißt das nicht nur abstrakt „schlechtere Bedingungen“. Es bedeutet weniger individuelle Betreuung, überfüllte Seminare, eingeschränkten Zugang zu Werkstätten, geringere Projektmittel und ein Studium, das zunehmend unter Druck gerät, effizienter statt experimenteller zu sein. Gerade in Feldern wie dem Design und der Kunst ist das fatal, weil “Innovation” (was auch immer man darunter verstehen möge), nicht aus Verdichtung entsteht, sondern aus Zeit, Raum und Fehlerfreundlichkeit.
Für Lehrende und wissenschaftlich-künstlerische Mitarbeitende bedeutet die Situation eine zunehmende Prekarisierung. Befristungen, hohe Lehrbelastung und administrative Zusatzaufgaben verschärfen sich, während gleichzeitig der Anspruch bestehen bleibt, eine Hochschule als „Labor für die Gestaltung der Gesellschaft“ zu betreiben. Dieser Anspruch kollidiert mit einer Finanzierungspolitik, die strukturell eher auf Konsolidierung als auf Entwicklung ausgerichtet ist.
Auch gesamtgesellschaftlich sind die Folgen erheblich. Hochschulen sind nicht nur Ausbildungsstätten, sondern Orte der kritischen Reflexion, der kulturellen Produktion und der sozialen Innovation. Wenn diese Orte ausgedünnt werden, verliert die Gesellschaft langfristig mehr als nur Studienplätze oder Forschungsprojekte: Sie verliert Räume, in denen alternative Zukünfte gedacht und erprobt werden können. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und komplexer Krisen ist das eine riskante Entwicklung.
Die Unterzeichnung der Zielvereinbarungen durch die hessischen Hochschulen und den hessischen Wissenschaftsminister Timon Gremmels steht damit exemplarisch für ein strukturelles Dilemma: Politisch wird Steuerung und Planung betont, faktisch aber werden die Handlungsspielräume der Hochschulen enger statt weiter.
Was also tun?
Die Verantwortung liegt nicht allein bei der Politik, sondern verteilt sich auf mehrere Ebenen. Erstens muss politisch klarer benannt werden, welche realen Konsequenzen Unterfinanzierung hat – nicht in Verwaltungsprosa, sondern in konkreten Auswirkungen auf Studium, Lehre und Forschung. Zweitens sind Hochschulen selbst gefordert, diese Entwicklungen nicht nur intern zu verwalten, sondern öffentlich zu machen und gemeinsam mit anderen Institutionen politisch sichtbar zu werden. Und drittens sind auch wir als Gesellschaft gefragt: Studierende, Alumni, Mitarbeitende und Bürger:innen müssen stärker darauf bestehen, dass Hochschulen nicht als Kostenfaktor, sondern als demokratische Infrastruktur verstanden werden.
Denn letztlich gilt: Eine Gesellschaft, die ihre Hochschulen nur verwaltet, aber nicht ausreichend trägt, spart nicht in die Zukunft – sie kürzt sie sich selbst weg.
References
"Ein Pakt gegen die Hochschulen – Bildung auf dem Rückzug"
https://www.designforschung.org/2025/07/09/kritik-am-hochschulpakt (www.designfroschung.org, 9. Juli 2025)