April 13th, 2026
Verantwortung und Verlässlichkeit im Zeitalter generativer KI
Mit der rasanten Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz hat sich der Status des Bildes grundlegend verändert. Bilder entstehen heute nicht mehr ausschließlich durch menschliche Wahrnehmung, Erfahrung oder fotografische Aufnahme, sondern zunehmend durch algorithmische Prozesse. In ihrem jüngst erschienenen Buch “Ethics and the Artificial Image” (Mimesis International) widmet sich Veronica Neri sich genau dieser Transformation und untersucht die damit verbundenen ethischen Herausforderungen.
Neri ist Associate Professor für Moralphilosophie an der Universität Pisa, wo sie Medienethik lehrt. Sie ist Mitglied des Promotionsprogramms für Philosophie der Universitäten Pisa und Florenz sowie Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift Teoria. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich unter anderem mit der Ethik öffentlicher Kommunikation, mit Werbe- und Modeethik sowie mit den ethischen Implikationen visueller Medien und künstlicher Intelligenz. Im Zentrum ihres Buches steht die Frage, wie sich unser Verständnis von Bildern und Imagination verändert, wenn visuelle Inhalte durch künstliche Intelligenz generiert werden. Generative Modelle können heute realistisch wirkende Bilder produzieren, die nicht auf eine reale Situation zurückgehen. Dadurch wird die traditionelle Verbindung zwischen Bild und Wirklichkeit “geschwächt”. Neri argumentiert, dass diese Entwicklung eine neue ethische Reflexion über die Rolle des Bildes in der öffentlichen Kommunikation notwendig macht.
Ein besonderer Fokus liegt auf dem Einsatz visueller generativer KI in der Werbung sowie in der visuellen Informationsvermittlung. In beiden Bereichen besitzen Bilder eine starke emotionale und persuasive Wirkung. KI-generierte Bilder können diese Wirkung noch verstärken, gleichzeitig aber auch neue Risiken schaffen. Neri untersucht etwa die polarisierende Kraft bestimmter visueller Darstellungen sowie die Möglichkeit, dass algorithmisch erzeugte Bilder bestehende gesellschaftliche Vorurteile und Biases reproduzieren oder sogar verstärken.
Darüber hinaus verknüpft das Buch ethische Fragen mit aktuellen europäischen Regulierungsdebatten. Themen wie Urheberrecht, Mitautorenschaft zwischen Mensch und Maschine, Datenschutz, Verantwortung und Haftung werden aus einer normativen Perspektive diskutiert. Wer trägt Verantwortung für ein Bild, das von einem KI-System erzeugt wurde? Wie lässt sich Transparenz herstellen, wenn die Entstehungsprozesse komplexer Modelle schwer nachvollziehbar sind? Solche Fragen stehen im Zentrum der Analyse.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die zunehmende Gefahr einer „simulakralen Realität“. Wenn künstlich erzeugte Bilder immer überzeugender werden, könnte die Grenze zwischen dokumentarischer Darstellung und Simulation zunehmend verschwimmen. Neri warnt vor einer möglichen „Anästhetisierung des Blicks“: Wenn visuelle Inhalte in immer größerer Menge und Perfektion produziert werden, besteht die Gefahr, dass unsere kritische Wahrnehmung abstumpft.
“Ethics and the Artificial Image” reiht sich somit ein in die aktuellen Diskurse um eine stärkere Integration (medien-) ethischer Reflexion in die Entwicklung und Nutzung von KI-Systemen. Ethik, so ein häufig vertretender Standpunkt, dürfe nicht erst nachträglich auf technologische Innovationen angewendet werden, sondern müsse bereits im Designprozess berücksichtigt werden. Nur so könne sichergestellt werden, dass technischer Fortschritt im Dienst des Menschen bleibt.

Veronica Neri (2025): Ethics and the Artificial Image – Accountability and Reliability for a New Status of the Visual. Milano: Mimesis International. ISBN (Print): 978-88-6977-500-0