August 17th, 2026

Designing Everyday Experience

Design und ästhetische Erfahrung im Alltag rücken in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus kultur- und designphilosophischer Forschung, weil sich die klassische Trennung zwischen „alltäglichen Gebrauchsgegenständen“ und „ästhetisch relevanten Objekten“ zunehmend als unzureichend erweist. Dinge, Räume und Routinen werden dabei nicht mehr nur als funktionale oder materielle Gegebenheiten verstanden, sondern als Strukturen, die Wahrnehmung, Verhalten und soziale Beziehungen aktiv mitformen. Damit verschiebt sich der analytische Blick von einzelnen Designobjekten hin zu Erfahrungszusammenhängen: Wie entstehen Atmosphären in Räumen? Wie prägen alltägliche Objekte Gewohnheiten? Und auf welche Weise werden Lebensformen durch Gestaltung überhaupt stabilisiert oder verändert? In diesem Rahmen wird Design zu einem zentralen Untersuchungsfeld, weil es nicht nur materielle Artefakte hervorbringt, sondern Bedingungen ästhetischer Erfahrung im Alltag strukturiert.

Vor diesem Hintergrund setzt der Band „Designing Everyday Experience: Objects, Spaces, Habits“ an, der Beiträge versammelt, die genau diese Verschiebung systematisch ausloten. Ausgangspunkt ist die These, dass Design nicht primär als Produktion funktionaler oder ästhetisch herausragender Einzelobjekte verstanden werden sollte, sondern als Praxis, die sich in die alltägliche Erfahrungswelt einschreibt und dort unterschiedliche Ebenen – Objekt, Raum und Gewohnheit – miteinander verknüpft. Die Einleitung verankert diese Perspektive im Feld der Everyday Aesthetics und verbindet sie mit designhistorischen und gegenwartsbezogenen Debatten, etwa zur Nachhaltigkeit, zur Rolle von Atmosphären oder zur Frage nach der sozialen und ethischen Dimension von Gestaltung.

Der erste Themenblock zu Objekten zwischen funktionalen und symbolischen Werten zeigt zunächst, wie instabil die klassische Unterscheidung von Funktion und Bedeutung geworden ist. Michalle Gal setzt bei einer Kritik des Funktionalismus an und beschreibt Designobjekte als offen für unterschiedliche Formen der Aneignung und Wahrnehmung, wodurch ihre Bedeutung nicht vollständig durch ihre Zweckbestimmung erklärbar ist. Dan Eugen Ratiu verlagert diese Perspektive in organisationale Kontexte und analysiert, wie Arbeitsräume durch Gestaltung bestimmte Verhaltensweisen und soziale Dynamiken hervorbringen, etwa in Co-Working-Umgebungen. Bei Monika Bokiniec steht mit dem Bullet Journaling eine Praxis im Zentrum, in der Gestaltung, Selbstorganisation und ästhetische Selbstbezüge ineinandergreifen und Design als Teil alltäglicher Selbsttechniken sichtbar wird. María Jesús Godoy untersucht hingegen Erinnerungsobjekte im Kontext von Verlust und zeigt, wie Dinge emotionale und biografische Bedeutungen tragen, die über ihre funktionale Dimension hinausgehen. Eszter Babarczy schließlich verbindet diese Perspektiven mit Fragen der Nachhaltigkeit und beschreibt, wie Designpraktiken den Umgang mit Dingen im Sinne von Care, Reparatur und Dauerhaftigkeit prägen können.

Der zweite Block verschiebt den Fokus auf Räume, Atmosphären und urbane Umgebungen. Abel B. Franco zeigt anhand scheinbar marginaler Materialeigenschaften, wie stark räumliche Wahrnehmung durch kleinste gestalterische Details beeinflusst wird und wie sich daraus umfassendere Vorstellungen von Raumqualität ergeben. Elisabetta Di Stefano diskutiert mit dem Konzept des „tactical urbanism“ Formen temporärer, gemeinschaftlicher Raumaneignung, in denen Gestaltung als soziale und partizipative Praxis sichtbar wird. Lisa Giombini untersucht touristische Atmosphären und die Frage, wie Authentizität im Spannungsfeld von Inszenierung und Erfahrung ästhetisch wahrgenommen wird. Bálint Veres analysiert das Beispiel IKEA als kulturelles Dispositiv, das Vorstellungen von Wohnen und Alltagsästhetik prägt und standardisierte Räume mit affektiven Bedeutungen auflädt. Barbara Formis verbindet schließlich räumliche Erfahrung mit körperlicher Praxis und beschreibt Gesten als Medium verkörperter Raumproduktion.

Der dritte Teil richtet den Blick auf Gewohnheiten und alltägliche Praktiken als zentrale Orte ästhetischer Erfahrung. Yuriko Saito interpretiert Reinigung als ethisch und ästhetisch relevante Care-Praxis, in der sich ein verantwortlicher Umgang mit Materialität ausdrückt. Alessandro Bertinetto entwickelt die Idee eines „ästhetischen Selbst“, das sich über alltägliche Objekte und Routinen formt und in dem Design Teil von Subjektbildung wird. Sophie Fétro richtet den Blick auf die kreativen Potenziale des Alltäglichen und zeigt, wie Design aus bestehenden Routinen neue Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten entwickeln kann. Mads Nygaard Folkmann schließlich rahmt diese Perspektiven theoretisch, indem er die Grenze zwischen gewöhnlichem und außergewöhnlichem Design nicht als Gegensatz, sondern als kontinuierliches Feld ästhetischer Intensitäten beschreibt.

Design zeigt sich hier abermals als ein Geflecht aus materiellen, räumlichen und habituellen Strukturen, das nicht nur einzelne Objekte hervorbringt, sondern Bedingungen dafür schafft, wie Alltag überhaupt erlebt und organisiert wird.

Di Stefano, Elisabetta; Giombini, Lisa; Veres, Bálint (2026):
Designing Everyday Experience. Objects, Space, Habits.
Springer, ISBN 978-3-032-17426-0
149,90 €

References