January 17th, 2022

Die Kunst des Widerstands – Politische Kunst, Protest und Aktivismus

Tom Bieling | Buchbesprechung

Wohl immer schon waren die Mittel der Kunst auch solche der politischen Artikulation und des Protests. Ebenso wie Kunst – etwa als symbolische Ausdrucksform – immer schon ein wichtiger Teil von staatlich-institutioneller oder wirtschaftlicher Macht war. Sowohl Autoritäten als auch ihre Kontrahänt:innen benötigen und verwenden Zeichen um Macht und Status in hierarchischen Gesellschaften auszudrücken und zu erklären oder aber entgegenzuwirken und zu konterkarieren.

Die Rolle der Kunst in sozialen und politischen Bewegungen ist nicht selten ambivalent, was auch mit ihrer – je nachdem – Strahl-, Überzeugungs-, Verwirrungs- oder schlichtweg: Anziehungskraft zu tun hat. Eine der zentralen Merkmale der Kunst besteht darin, gedankliche Prozesse anzuregen. Die Macht der Bilder besteht seit jeher darin, ihre Rezipient:innen zu beeinflussen. Kunst und Politik sind sich nicht zuletzt deshalb näher, als viele glauben mögen.

Die Geschichte aktivistischer Kunst ist lang. Im Verlauf der letzten ein bis zwei Dekaden ist jedoch ein Zuwachs an künstlerischen Projekten zu verzeichnen, die sich im Kontext des sozialem Engagements und politischem Aktivismus bewegen, und nicht selten dabei auch an direkten, lebensweltlichen Interventionen interessiert sind. Künstlerischer und politischer Anspruch münden dabei in einer symbiotischen Beziehung, bei der die Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus – manchmal bewusstermaßen – schwinden. Die Themenspektren stehen dabei häufig in enger Verbindung mit Entwicklungen und Prognosen des Zeitgeschehens.

Auch soziale Bewegungen erweitern ihr Formenrepertoire fortlaufend und mit immerneuen (bisweilen auch: längst bekannten) Herangehensweisen des Ausdrucks und der Performanz. Immer wieder kommt es zu gegenseitigen Befruchtungen und ästhetischen Überschneidungsformen von Kunst und Protestbewegungen.
Mit der wachsenden Popularität aktivistischer oder als solche deklarierte Kunst, mehren sich ihr gegenüber auch kritische Stimmen. Wo fangen Subversion und reiner Protest an? Wo hört die Kunst auf? Und sollten Künstler:innen ihr politisches Anliegen und Engagement nicht generell mit ihrer gesamten Schaffenskraft vertreten?


Wippe an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Teeter Totter Wall,
Rael San Fratello & Colectivo Chopeke (2019).

„The Art of Protest“ widmet sich dieser Verbindung zwischen Kunst, Politik und Aktivismus und zeigt auf, wie sich zeitgenössische Künstler:innen und Aktvist:innen mit Hilfe verschiedener künstlerischer Strategien, Techniken und Medien mit politischen und sozialen Themen auseinandersetzen. Von Malerei bis Skulptur, über zeitbasierte Medien und urbane Interventionen, fotografische und digitale Arbeiten bis hin zu Installationen und Performances von beinah 80 Künstler:innen und Kollektiven sind dabei eine Reihe an unterschiedlichen Zugängen und Sub-Genres vertreten (u.a. Adelaide Damoah, Barbara Kruger, Brandalism, Guerilla Girls, Hank Willis Thomas, Halil Altindere, Hayfaa Chalabi, Jay Lynn Gómez, James Bridle, Julius von Bismarck, Kara Walker, Malgorzata Mirga-Tas, Mary Sibande, Miao Ying, Michael Rakowitz, Raul Walch, Richard Mosse, Rocco und seine Brüder, San Isidro Movement, Sylvie Fleury, Tabita Rezaire, Yael Bartana oder das Zentrum für Politische Schönheit). In ergänzenden Essays werden politischer Kontext, künstlerische Praktik sowie deren Rezeption und Wirkung thematisiert (etwa in Bezug auf dekoloniale oder feministische Praktiken, digitale Körper- und Bildpolitiken, oder die Frage inwieweit sich heutige politische Aktionskunst von anderen, oftmals als elitär, ja konservativ verdächtigen Kunstgattungen unterscheidet.

Die Kernfrage die im artivistischen Kontext stets gestellt werden darf, bleibt auch hier bis zuletzt bestehen und wird uns noch länger begleiten: Wie kann aktivistische Kunst so überzeugen, dass sich auch wirklich etwas ändert? Denn wer genau mit der Kunst adressiert werden soll und wer sich letztlich von ihr angesprochen fühlt, scheint nicht bei allen (nicht nur der im Buch thematisierten) Arbeiten eindeutig formuliert zu sein. Verharrt man in der Bubble und überzeugt man letztlich nur die ohnehin Überzeugten? Viele kunstaktivistische Projekte scheinen zudem nach wie vor aus einem naiven, unreflektierten Zusammenhang heraus zu entstehen. Der große Gestus des humanitären Aktes, des Handelns im Auftrag der Menschlichkeit mag dabei schnell als profaner, plakativer Schnellschuss anmuten.

Andererseits verfügt die Kunst über den Vorteil, dass es den Adressat:innen (z.B. der Staatsmacht) bisweilen schwerfällt, adäquat auf bestimmte Aktionen oder Statements zu reagieren. Denken wir nur zurück an den Fall Pussy Riot, ein Beispiel, das zeigt, wie sehr die subversive Kraft des künstlerisch-politischen Protest beispielsweise darin besteht, gesellschaftliche oder regime-immanente Moralvorstellungen zu entlarven, die letztlich genau in dem gegen sie gerichteten Versuch der Unterdrückung zum Ausdruck kommen. Hierfür liefert The Art of Protest jede Menge Anschauungsbeispiele.

Tom Bieling, Januar 2022

gestalten & Francesca Gavin and Alain Bieber (Hg.)
The Art of Protest – Political Art and Activism
Englisch, 336 Seiten, gestalten
ISBN: 978-3-96704-011-1

References

Download & Citation Info

Bieling, Tom (2022): Die Kunst des Widerstands – Politische Kunst, Protest und Aktivismus. Buchbesprechung. In: DESIGNABILITIES Design Research Journal, (1) 2022. https://tinyurl.com/2p8jmfcb ISSN 2511-6274