February 2nd, 2026
Gestaltung unter KI-Bedingungen
Mit dem Symposium „AI SLOP – Über KI an Kunsthochschulen“ lud das Lehrgebiet Designtheorie der HfG Offenbach zu einem offenen, interdisziplinären Austausch über den Einsatz, die Wirkung und die Implikationen KI-basierter Systeme in Kunst- und Designlehre ein. Die Veranstaltung richtete sich gleichermaßen an Lehrende wie Studierende der Fachbereiche Kunst und Design und fand in den Räumen des KI Labs statt.
Ausgangspunkt der Veranstaltung war weniger die Frage nach konkreten Tools als vielmehr nach Haltungen, Verantwortlichkeiten und Verschiebungen gestalterischer, didaktischer und institutioneller Rollen. Was bedeutet KI für Entwurfsprozesse? Wie verändert sich Autor:innenschaft? Welche Kompetenzen müssen Hochschulen künftig vermitteln – und wie lässt sich Lehre in einem zunehmend sozio-technischen Gefüge neu denken? In diesem Spannungsfeld positionierte sich die Veranstaltung bewusst jenseits von Technikoptimismus und Technikpessimismus: nicht bewertend, sondern fragend, kontextualisierend und diskursöffnend.

Den inhaltlichen Auftakt des Symposiums bildete der Beitrag von Dr. Aljoscha Burchardt (DFKI), der krankheitsbedingt nicht vor Ort sein konnte und seinen Vortrag vorab aufgezeichnet hatte. Burchardt näherte sich dem Thema KI nicht über einzelne Anwendungen oder Werkzeuge, sondern über ethische Leitfragen, die den Umgang mit KI-Systemen in Gestaltung und Lehre rahmen. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie wir mit KI arbeiten wollen – und unter welchen normativen Voraussetzungen. Studierende und Lehrende seien nicht als passive Anwender:innen zu verstehen, sondern als aktive Akteur:innen, die Gestaltungsentscheidungen auch auf der Ebene von Systemen, Daten und Rahmenbedingungen treffen. KI erschien hier weniger als fertiges Werkzeug denn als gestaltbares Gefüge, dessen Ausrichtung, Nutzung und Bedeutung wesentlich von den Haltungen der Beteiligten abhängt.
Im Anschluss widmete sich Prof. Stefan Wölwer (HAWK Hildesheim) den strukturellen und gestalterischen Dimensionen von KI-Systemen. Sein Vortrag rückte die Frage in den Fokus, welche Infrastrukturen Hochschulen benötigen, um mit KI nicht nur zu experimentieren, sondern sie auch kritisch und souverän einsetzen zu können. Ausgangspunkt war das von ihm mitentwickelte Open-Source-Projekt HAWKI, ein alternatives KI-Ökosystem für den Hochschulbetrieb. Wölwer zeigte, dass der Zugang zu KI nicht zwangsläufig über proprietäre Plattformen und intransparente Interfaces erfolgen muss. Stattdessen eröffnen offene Systeme die Möglichkeit, KI als gestaltbaren Bestandteil von Lehre und Forschung zu begreifen. Der Vortrag machte deutlich, dass sich hier klassische Fragen des Interaction Designs mit hochschulpolitischen und ethischen Fragen verschränken. Wer kontrolliert die Systeme? Wer definiert ihre Logiken? Und welche gestalterischen Freiräume entstehen, wenn Hochschulen selbst Verantwortung für ihre digitalen Werkzeuge übernehmen? Wölwers Beitrag zeigte exemplarisch, wie Gestaltung, Technik und institutionelle Praxis zusammengeführt werden können.
Mit Natalie Wilke, Medienkünstlerin und künstlerische Mitarbeiterin im Lehrgebiet Elektronische Medien an der HfG Offenbach, wurde eine Perspektive eingebracht, die unmittelbar aus der täglichen Lehrpraxis an einer Kunsthochschule heraus argumentiert. Ihr Beitrag verband künstlerische Positionen mit Beobachtungen aus der Arbeit mit Studierenden und zeichnete so ein vielschichtiges Bild aktueller KI-Praktiken. Anhand konkreter studentischer Projekte beschrieb Wilke eine deutliche Verschiebung im Umgang mit generativen KI-Systemen: weg von einer auf Ergebnisse fixierten Nutzung hin zu einer prozess- und input-orientierten Auseinandersetzung. Besonderes Augenmerk legte sie auf das Phänomen des AI Punk – eine bewusste ästhetische und konzeptuelle Gegenbewegung zur glatten, hyperrealistischen KI-Bildproduktion. Fehler und Brüche (Glitches) wurden hier nicht als Mängel, sondern als produktive Strategien verstanden.
Den Abschluss des Vortragsprogramms bildete Prof. Dr. Jens Schröter (Universität Bonn), der eine medienwissenschaftliche und bildhistorische Perspektive auf KI-generierte Bilder einnahm. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viele aktuelle KI-Bilder fotografisch wirken, ohne fotografisch im klassischen Sinne zu sein. Schröter ordnete diese Bildpraxis unter dem Begriff der „promptografischen Ästhetik“ ein. Statt KI-Bilder als radikal neues Phänomen zu behandeln, verortete er sie innerhalb einer längeren Geschichte computergenerierter Bilder und medialer Simulationen. Diese historische Tiefenschärfe ermöglichte es, gegenwärtige Entwicklungen differenzierter zu betrachten und sie als Verschiebung bestehender Bildlogiken zu verstehen, nicht als deren Ablösung. Im weiteren Verlauf rückte Schröter künstlerische Positionen in den Fokus, die mit textbasierten Prompts arbeiten und dabei neue Formen gestalterischer Entscheidung erproben.
Die Vorträge mündeten in eine offene Gesprächsrunde, die den dialogischen Anspruch der Veranstaltung einlöste. Studierende und Lehrende brachten eigene Erfahrungen, Fragen und Positionen ein und machten deutlich, wie unterschiedlich KI im Alltag der Hochschule bereits verankert ist. Fragen nach Autor:innenschaft, Intention und Kontrolle wurden dabei unterschiedlich verhandelt: Wer „macht“ das Bild, wenn Gestaltung primär über Sprache vermittelt wird? Und wie verändert sich ästhetische Verantwortung in solchen Prozessen? Der Fokus, so wurde abermals deutlich, verlagert sich dabei von der Frage „Was erzeugt die KI?“ hin zu „Wie gestalte ich die Bedingungen, unter denen etwas entsteht?“.
Was als abschließende Gesprächsrunde geplant war, setzte sich – unmittelbar nach der Verabschiedung, in unveränderter Konstellation – nahezu nahtlos fort. Stühle wurden gerückt, Argumente wurden erneut aufgegriffen, widersprochen, weitergeführt. Die Veranstaltung verlängerte sich auf diese Weise um weitere 45 Minuten, ohne dass dies noch einer Moderation bedurft hätte. Es zeigte sich, wie schwer die verhandelten Fragen mitunter im Modus einer schnellen Positionierung zu beantworten sind. KI wurde hier weder allein als Tool noch als abstrakte Bedrohung diskutiert, sondern als konkrete Herausforderung für institutionelle Routinen, ästhetische Urteilsbildung und didaktische Selbstverständlichkeiten. Die Offenheit des Formats – keine Podiumshierarchie, keine abschließenden Statements – erwies sich dabei als produktiv: Der Diskurs blieb in Bewegung.
Inhaltlich wurde die Diskussion durch zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum getragen, die das thematische Spektrum noch einmal deutlich erweiterten. Beiträge von Prof. Dr. Christian Janecke (Kunstgeschichte) rückten Fragen kunsthistorischer Einordnung und Bewertungsmaßstäbe in den Fokus, während Prof. Alex Oppermann (Elektronische Medien) die experimentellen Bedingungen der Kunsthochschule als institutionellen Rahmen reflektierte. Prof. Dr. Marie-Hélène Gutberlet (Film), Leon-Etienne Kühr aus dem KI Lab sowie Zachary Mentzos (HfG) thematisierten technische, praktische und ästhetische Erfahrungen aus der Arbeit mit KI-Systemen ebenso wie die Rolle von Unternehmen, damit einhergehende Machtgefüge, sowie Fragen nach Dateinhoheit, Originalität und Kopismus
Einer von vielen Diskussionspunkten entbrannte dabei um folgenden Sachverhalt: Vor dem Hintergrund, dass künstlerische Werke mitunter wesentlich durch die individuelle Handschrift ihrer Urheber:innen bestimmt werden, unterminiert die Einbeziehung von KI, die diese subjektive Dimension nicht gänzlich zu vermitteln im Stande ist, womöglich den künstlerischen Ausdruck. Die Reproduktion oder Mitwirkung durch KI erscheine dabei, so Mentzos, problematisch, da diese die spezifische, subjektive Perspektive mutmaßlich nicht adäquat abbildet und dadurch die Position des Künstlers / der Künstlerin im Diskurs potenziell schwäche.
Dass einige Gäste eigens aus Kaiserslautern und Stuttgart angereist waren, zeugte davon, wie siehr sich das Symposium weniger als abgeschlossene Veranstaltung denn als Einsatzpunkt eines fortlaufenden Diskurses begreifen lassen muss. Dass die Diskussion über das geplante Ende hinaus weiterging, war in diesem Sinne kein organisatorischer Zufall, sondern Ausdruck eines Bedarfs: nach Austausch, nach Einordnung – und nach Räumen, in denen KI nicht vorschnell vereindeutigt wird, sondern als das verhandelt werden kann, was sie derzeit ist: ein offenes, widersprüchliches (Gestaltungs-)Feld.
Tom Bieling **
Stefan Wölwer **
Natalie Wilke **
Jens Schröter **
Jens Schröter *
Fotos: * Tom Bieling, ** Susanne Wieland
Plakat: Susanne Wieland