December 1st, 2022
Zukünfte gestalten
Die Designausbildung steht vor großen Herausforderungen. Offensichtlich stärker als je zuvor, müssen sich Designer:innen heute mit komplexen, verzwickten Herausforderungen auseinandersetzen. Ihre Aufgaben- und Kompetenzfelder beschränken sich zunehmend weniger auf klassische Artefakte, sondern erstrecken sich über eine ganze Bandbreite an gestalteten Prozessen, Systemen, Dienstleistungen oder Gesellschaftsbereichen.
In der Ausbildung junger Designer:innen wird dieser Wandel zwar zunehmend, jedoch längst noch nicht ausreichend adressiert. Der Vorwurf: Noch immer konzentriere man sich zu sehr auf Oberflächlichkeiten, anstatt tiefgründig, verantwortungsbewusst und mit Weitblick zu arbeiten. Im Gegenzug sehen einige in dem sich fortwährend erweiternden Designbegriff und der sich zusehends ausweitenden Designzone eine Gefahr der Verwässerung und fürchten um den Verlust designerischer Kernkompetenzen.
Mit dem vorliegenden Themenheft Design Futures greift das DESIGNABILITIES Design Research Journal einige der damit verbundenen Konfliktfelder auf und beleuchtet sie aus unterschiedlichen (Gestaltungs- und Diskurs-) Perspektiven. So erwägt Anthony Dunne (Eine größere Realität) eine Designausbildung, die sich nicht mehr in unterschiedliche Disziplinen unterteilt, sondern nach unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt organisiert ist. Eine Synthese von Ideen aus Politikwissenschaft, Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaft und Philosophie zu neuen Weltbildern, die durch eine erweiterte Form der Entwurfspraxis greifbar gemacht werden.
In seinem inzwischen weiteichend rezipierten Pamphlet Vom Design Turn zum Project Turn erörtert Gui Bonsiepe drei Kriterien, anhand derer Designforschung von anderen Forschungsfeldern differenziert werden kann: durch den Forschungsinhalt, durch die Forschungsmethode, und durch den aus der Perspektive des Entwerfens geprägten Forschungsansatz, also durch die Sichtweise.
Philipp Rösler (Design als Problem(+)Lösung) geht der Frage nach, ob die Designausbildung so, wie sie bisher vielerorts betrieben wurde, den komplexen Anforderungen unserer Zeit noch gewachsen ist und liefert Impulse zu einer zukunftskompatiblen Designvermittlung und -praxis.
Klaus Schwarzfischer (Wozu Design-Prozess-Ästhetik) entwickelt in seinem Beitrag ein handlungstheoretisches Modell des Möglichkeitsraumes von Gestaltung. Die ästhetische Erfahrung interpretiere nicht nur unsere konkrete Handlungsfähigkeit. Sie versetze uns zudem in die Lage, mögliche Welten kognitiv zu konstruieren. Die Auseinandersetzung mit ästhetischen Erfahrungen sei nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil sie als affektive Handlungssteuerung von Designer:innen und User:innen gleichermaßen betreffe.
Dmitri M. arbeitet mit seiner Kritik kritischen Designs schließlich eine Kritik heraus die insofern als konstruktiv bezeichnet werden kann, als dass sie darauf abzielt, zu einem besseren Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen. Und idealerweise dazu anzuregen vermag, aus der „richtigen Theorie über die Gesellschaft die notwendigen praktischen Schlüsse zu ihrer Veränderung“ ziehen zu können.
Das vorliegende Themenheft setzt sich somit gleichermaßen mit den Gestaltbarkeiten möglicher und unmöglicher Zukünfte, sowie mit der Gestaltbarkeit der Designdisziplin als solche auseinander. In ihrer komplementären Anordnung dieser fünf Beiträge kann und soll die Lektüre dabei helfen, das Titelthema auch in seiner Doppeldeutigkeit zu ergründen: Anhand der Frage wie zukünftiges Design konzipiert sein kann (oder soll), ebenso wie der Frage nach der tatsächlichen Gestaltbarkeit von Zukunft an sich.
DESIGNABILITIES / Design Futures (10/2022. German issue): Contributions by Gui Bonsiepe, Anthony Dunne, Tom Bieling, Klaus Schwarzfischer, Philipp Rösler. Click here to read the online version!
References
Download & Citation Info
Bieling, Tom (2022): Zukünfte gestalten. Vorwort. in: Tom Bieling (Hg.): Design Futures. DESIGNABILITIES Design Research Journal. Issue 01, 10/22. S. 3–5. ISSN 2940-0090