January 29th, 2026
Akusmatische Räume – Zur Sichtbarmachung urbaner Geräuschordnungen
Geräusche gelten im urbanen Alltag häufig als Hintergrundrauschen – allgegenwärtig, aber selten bewusst wahrgenommen. Das Forschungsprojekt von Arnold Schmidgen setzt genau hier an: Es arbeitet daran, Geräuschquellen zu abstrahieren und visuell neu zu denken. Gerade in öffentlichen Räumen wie Bahnhöfen, Plätzen oder Einkaufszentren können die vielschichtigen Klangschichten, die dort gleichzeitig auf uns einströmen, zu subtilen Formen der Überforderung führen: Sie lenken, irritieren, informieren, warnen – und belasten mitunter, ohne dass wir deren Wirkung bewusst reflektieren. Indem Schmidgen einzelne Soundquellen zunächst isoliert und und dann visuell transformiert, rückt es jene atmosphärischen Kräfte in den Fokus, die im Alltag meist verborgen operieren.
Ausgangspunkt hierfür ist das Konzept der Akusmatik – ein Begriff aus der Klangtheorie, der das Hören ohne sichtbare Quelle beschreibt. Akusmatisches Hören verschiebt die Aufmerksamkeit weg von der Identifikation eines Geräusches hin zu seiner reinen klanglichen Qualität. Damit eröffnet es einen Wahrnehmungsmodus, der sowohl irritiert als auch sensibilisiert: Der Klang tritt aus seiner funktionalen Rolle heraus und wird zum eigenständigen Phänomen. Designforschung kann hier wertvolle Beiträge liefern, indem sie experimentelle Zugänge entwickelt, die sowohl analysieren, aber auch neue Erfahrungsräume gestalten. Durch visuelle, räumliche und interaktive Übersetzungen von Klang kann hier erforscht werden, wie akustische Strukturen z.B. unsere Orientierung, unser Sicherheitsempfinden und unsere emotionale Einbettung in städtische Umgebungen beeinflussen. Klang wird hier nicht nur beschreibbar, sondern auch in anderen medialen Kontexten erfahrbar.
Die Übersetzung von Geräusch zu Form ist dabei keineswegs trivial. In der Klanggestaltung gilt die Beziehung zwischen akustischem Input und visueller Repräsentation bisweilen als „beliebig“ – ein Feld voller Interpretationsspielräume und subjektiver Bedeutungszuweisungen. Auch mit dieser Problematik setzt sich Schmidgen auseinander, indem er die Regeln und Möglichkeiten einer gestalterischen „Klanggrammatik“ auslotet: Wie lässt sich der Charakter eines Signals – die Rauheit einer S-Bahn, die Fragmentierung von Stimmen, das Surren einer Leuchtstoffröhre, das Dröhnen einer Lautsprecherdurchsage – in räumliche Formen, Bewegungen und Farben übersetzen, ohne dabei rein dekorativ oder arbiträr zu werden?
Ein Gespräch.
(Tom Bieling) Du übersetzt in Deiner Arbeit Geräusche in Formen und Bewegungen. Nehmen wir das Beispiel der S-Bahnhaltestelle Marktplatz (Offenbach): Nach welchen Kriterien hast du entschieden, welcher Klang welche visuelle Entsprechung bekommt? Gab es gestalterische Regeln oder eher intuitive Zuordnungen? Hast du versucht, eine Art visuelle Grammatik für Klang zu entwickeln?
(Arnold Schmidgen) Bei den sehr bekannten „Waveforms“, wellenförmigen Visualisierungen von Klang, wird über die Zeit (x) der Ausschlag der Lautstärke (y) dargestellt. Hier (siehe Bild 1) z. B. das Geräusch von Schritten, was fast unmöglich zu verstehen ist, ohne den zugehörigen Ton zu hören.Ich denke, um den Einfluss von Geräuschen auf den Menschen transparent zu machen, ist es wichtig, den Raum des Geschehens als z-Koordinate in die „Klang-Gleichung“ einzubinden. Wie und wohin bewegt sich die Klangwelle? Prallt sie ab und kommt sie zum Empfänger zurück? Erreicht sie den Empfänger erst gar nicht? Diese Fragen zu beantworten und eine visuelle Grammatik zu erstellen, ist besonders auf eine S-Bahn-Station bezogen herausfordernd, da Geräusche dort fast nie isoliert auftreten. In dem Projekt „Geräusche transparent machen“ (s.u.) habe ich das Bedürfnis danach gesehen, die Komplexität von Klang auf einfache Formen wie Quadrate und Kugeln herunterzubrechen und so in erster Linie ein Verständnis für Geräusche zu schaffen. Ich habe hierbei versucht, die Größe und Menge der Formen im Modell an die Höhe und Anzahl der Ausschläge in den zugehörigen Waveforms anzupassen. Auch ihr Verhalten im Raum habe ich unter dem gegebenen Aspekt des Halls betrachtet.
Du hast im Projekt Geräuscherzeuger aus der Darstellung entfernt, um die „akustische Präsenz“ stärker in den Vordergrund zu rücken. Was macht diese Entfremdung mit der Atmosphäre des Raumes und was macht sie mit den Betrachter:innen? Anders gefragt: WelcheArt von Erfahrung erhoffst Du Dir auf Seiten der Rezipient:innen? Welche Art von Bewusstseinsverschiebung oder Irritation lässt sich hier erzeugen? Was sollen Menschen nach dem Erlebnis anders sehen oder hören?
Eine S-Bahn-Station ist ein Ort, der in meinen Augen stark unterbewusst erfahren wird. Es ist ein Ort, an dem wir nicht lange verweilen und doch viel Zeit verbringen. Das Projekt soll darauf aufmerksam machen, dass genau diese Orte, die wir akustisch ausblenden, trotzdem – oder auch genau deswegen – einen Effekt auf uns haben. In meinem nachgebauten Raum entsteht eine Situation des reinen Hörens. Die Aufmerksamkeit der Betrachter:innen wird nicht durch eine sichtbare Klangquelle beeinflusst. Genau diese visuelle Lücke soll dazu einladen, den Kontext des Raumes zu betrachten und zu bewerten. Ist der Klang nur wegen des Raumes eindeutig? Welche Erwartungen habe ich an die Geräusche? Ich hoffe, ich kann mit meinem Projekt ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Geräusche in der Gestaltung eines Raumes dem rein Visuellen nicht weit nachstehen. In unserem Kopf wird durch einen Klang oft schneller eine Visualisierung dessen erzeugt, was hinter uns geschieht, bevor wir uns überhaupt umdrehen und es sehen können. Klang soll von den Rezipient:innen nicht mehr nur als rein akustisches Ereignis, sondern als Übermittler und Auslöser von visuellen Assoziationen, Informationen, Emotionen und körperlichen Reaktionen wahrgenommen werden. Das Projekt soll die Betrachter:innen dazu einladen, diese Phänomene zu entdecken und zudem die verschwundenen Klangquellen neu zu bewerten. Der durchgängige Prozess im Gehirn –„Passt das, was ich erwarte, zu dem, was ich höre?“ – soll hinterfragt werden.
Welche Art von Transparenz wolltest du konkret herstellen – eine ästhetische, eine informatorische, eine sensorische oder vielleicht eine metaphorische?
Ich hoffe, ich kann mit diesem Projekt einen Mix aus vielen Arten von Transparenz herstellen. Es soll auf der informatorischen Ebene klar werden, wie stark die Varianz von Geräuschen im Raum ist und daraus folgend auf der sensorischen Ebene, wie unterschiedlich diese Reize verarbeitet werden. Ich möchte erforschen, wie Geräusche, die sich im Klang und in der Lautstärke unterscheiden, unsere Sinne prägen. Was bedeutet es für uns, dass die S-Bahn bei der Einfahrt das lauteste Geräusch ist? Gibt es allein wegen der Lautstärke eine stärkere auditive Imagination oder Reaktion? Transparent soll ebenso werden, dass Geräusche in unserem Alltag fast nie ohne ein Bild auftreten. Entweder können wir die Klangquelle sehen oder wir denken uns eine Klangquelle zum Geräusch und können es so bewerten. Das zweite Phänomen, auch bekannt als akusmatisches Hören, soll für die Betrachter:innen transparent, gemacht werden. Weiterhin spiegelt sich metaphorische Transparenz in der Visualisierung der Geräusche wider. Laute Geräusche werden als große Objekte dargestellt, und die Bewegung der Objekte ist an die Position des Geräusches im Raum angepasst. Ich denke, dass Sound-Visualisierungen immer stark metaphorisch sind. Wichtig ist mir bei meinem Projekt, dass der Klang durch das Bild zugänglich gemacht wird.
Wie hast du die technische Umsetzung – insbesondere in Kombination mit live aufgenommenem Sound – in den Gestaltungsprozess integriert? Gab es dabei überraschende Erkenntnisse oder Limitierungen?
Ich habe zunächst versucht, die Geräusche in der S-Bahn-Station so nüchtern wie möglich zu betrachten. Wie sind die Verhältnisse von Lautstärke, Position und Einfluss des Raums? Wie lange ist die S-Bahn zu hören, bevor man sie überhaupt sieht? Gibt es Geräusche, die ich nicht klar zuordnen kann? Durch die Vielzahl an Aspekten und Geräuschen, die in einer S-Bahn-Station zu beachten sind, ist es mir schwergefallen, einzelne Klänge isoliert „live“ aufzunehmen. Außerdem gibt es Unregelmäßigkeiten in der Abfolge der Geräusche und demzufolge nicht immerein Pattern, nach dem ich alle Geräusche ausrichten konnte. Weiterhin kam es bei der technischen Umsetzung mit Blender zu Limitierungen, die die Visualisierung angingen. So war beispielsweise klar, dass die Geräusche durch den gegebenen Hall beeinflusst werden. Wie lange dieser Hall anhält und wie stark die einzelnen Partikel von der Wand „abprallen“, war jedoch schwer zu bestimmen. Allgemein lässt sich sagen, dass die Darstellung der Geräusche nicht perfekt und nicht vollständig akkurat ist. Aber genau dort kann angeknüpft werden: Eine Erkenntnis aus dem Prozess der technischen Umsetzung war zum Beispiel, dass mit mehreren Mikrofonen gleichzeitig in der S-Bahn-Station aufgenommen werden kann und so ein genaueres Bild von Position und Lautstärke der Geräusche im Verlauf der Zeit entsteht.
Welche offenen Fragen treiben Dich im Kontext dieses Forschungsfeldes aktuell an? Gibt es Aspekte der akusmatischen Wahrnehmung oder der Klangvisualisierung, die du in Deiner zukünftigen Arbeit weiter erforschen möchtest?
Ich finde, das Projekt hat viele offene Stellen zum Anknüpfen. Zum einen bei der akusmatischen Wahrnehmung, dem Hören, ohne eine Quelle zu sehen. Besonders interessant finde ich diesen Aspekt in Wechselwirkung mit einem Raum wie einer S-Bahn-Station, den wir oft nur unterbewusst wahrnehmen.Welchen Einfluss hat der Raum, in dem wir hören, auf das, was wir uns vorstellen? Verschwimmt die Grenze zwischen tatsächlicher Wahrnehmung und Interpretation? Für mich ist ebenfalls interessant, wie akustische Merkmale visuelle Hinweise ersetzen können. Hier könnte man den Zusammenhang zu Barrierefreiheit aufmachen. Die Fragen, die ich in der Weiterführung der Arbeit gerne thematisieren würde, sind jene nach dem Zusammenhang von (visueller) Aufmerksamkeit und Geräuschen sowie dem Erstellen einer visuellen „Klang-Grammatik“. Hierzu könnte man beispielsweise die Reaktionen des Körpers mit passierenden Geräuschen vergleichen und analysieren. Wie und warum reagiert unser Körper bei verschiedenen Geräuschen anders? Und um einen Bogen zur ersten Frage zu schlagen: Ist es überhaupt möglich, eine visuelle „Klang-Grammatik“ zu erstellen, wenn Farbwahl, Symbolik und Formen kulturell für viele Menschen unterschiedlich wirken?
Seinen Lauf nahm das Projekt “Geräusche transparent machen” im Seminar “Design und Sprache” an der HfG Offenbach im WiSe 2025-26 unter der Leitung von Prof. Dr. Tom Bieling und Jonathan Kuhlmann, zum Thema Transparenz.
“Das Bedürfnis nach Transparenz (oder Verschleierung) durchdringt nahezu alle Lebensbereiche. Auch weil es unsere Wahrnehmung von Beziehungen, Verantwortung und Kontrolle prägt. Die Beschäftigung damit eröffnet Einsichten für gestalterische Praktiken. Design kann aus Un/Sichtbarkeitsregimen lernen, um Formen zu entwickeln, die nicht nur zeigen, sondern auch reflektieren, was (nicht) sichtbar gemacht wird bzw. werden sollte.” (Bieling)
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